Direkt zum Hauptbereich

"Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmerhzig ist!"

Predigt für Luke-Enno Keitz` Taufgottesdienst

Barmherzig“ sollen wir sein! Na, klar! Kein Problem! Aber --- wie geht das eigentlich???
Das hat was mit Herz zu tun: Sollen wir immer einen roten Stift dabeihaben und überall Herzen draufmalen? Hm... Ich bin nicht überzeugt. Was heißt denn dieses „barm-“ davor? Früher konnten sich zwei Bettler treffen und sich gegenseitig fragen: „Na, heute schon gebarmt?“ Barmen hieß „Betteln“ bzw. „Jammern“.
Wenn jemand also „barm-herzig“ ist, hat er ein jammerndes Herz. Ein Herz, dass bittet und bettelt. Wann habt Ihr das letzte Mal bei den Abendnachrichten geweint? - Na, ist schon etwas her? Gründe genug gäbe es ja... Wenn ich ehrlich bin, schalte ich in letzter Zeit nach einem anstrengenden Tag eher weiter, weil ich es manchmal nicht aushalte, weil ich sonst anfangen müsste zu weinen.
Barmherzig sein heißt aber genau das: Unser Herz weich machen für andere Menschen. Stellt Euch vor: Der Normalzustand unser aller Herzen ist dieser >> Stein hochhalten. Und dann höre ich von den Flüchtlingen in der Unterkunft und dass es ihnen an so vielem fehlt. Da alle Menschen so einen Klumpen in ihrer Brust haben, wird niemand etwas sagen, wenn mich die Flüchtlinge nicht weiter kümmern. Und dann sehe ich an der Bushaltestelle eine Frau, die weint. Da alle Menschen so einen Klumpen in der Brust haben, kann ich die Frau getrost da sitzen lassen. Ich will sie nicht ansprechen. Mir ist das peinlich und ihr doch bestimmt auch. Und dann treffe ich in der Schule während der Pause auf den Blödmann aus der Parallelklasse, der mich sonst immer ärgert. Jetzt hockt er da und hält sich sein blutendes Knie. Da alle Menschen so einen Klumpen in der Brust haben, kann ich nicht nur weitergehen, sondern den Typen sogar noch auslachen. Und niemand würde mich verurteilen.
Habt Ihr an irgendeiner Stelle gedacht: „Das geht doch nicht!“? Dann hat Euer Herz gejammert. Dann habt Ihr für die Flüchtlinge, die Frau an der Bushaltestelle oder den Jungen mit dem blutenden Knie Euer Herz weich gemacht. Das ist Barmherzigkeit. Immer da, wo wir netter, herzlicher, offener oder liebevoller sind, als es die meisten erwarten würden, da sind wir barmherzig. Und natürlich ist es so, in einer Welt, in der alle Menschen so einen Klumpen als Herz in ihrer Brust haben, wird niemand meckern oder mich als unbarmherzig verurteilen, wenn ich weggehe, wegsehe, nicht helfe, … Aber da, wo nur einer ein weiches Herz hat, also barmherzig ist, gibt es ja plötzlich einen Maßstab. Wenn da einer ist, der liebt, obwohl er hassen dürfte/der hilft, obwohl der andere selbst schuld ist/der hinsieht, obwohl das kein schöner Anblick ist/der sich Zeit nimmt, obwohl er keine hat/..., merke ich plötzlich, dass ich ziemlich häufig sehr unbarmherzig bin/mein Herz hart lasse und nicht zulasse, dass mein Herz jammert: „Aber man müsste doch... Willst du nicht doch...?“ Und Jesus sagt seinen Freundinnen und Freunden genau DAS: „Lasst euer Herz jammern, denn da ist jemand, der sein Herz schon längst ganz weich gemacht hat für uns.“

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Leben, das gelingt

  Das wünsche ich mir:   Leben, das gelingt, in dem ich nicht permanent weniger schaffe, als ich mir vornehme.  Ich habe einen Job, den ich vermutlich behalten könnte, bis ich alt und grau wäre. Was für ein Privileg heutzutage! Aber ich schaffe es nicht. Ich pack´s nicht. Ich habe das Gefühl, ständig absagen zu müssen. Familie. Freunden. Jugendlichen bei der Arbeit. Kollegen. Arbeitgebern. Früher habe ich mir etwas auf meine Zuverlässigkeit eingebildet, hatte die arrogante Vorstellung, nur wer verbindlich durchzieht, was er/sie zugesagt hat, sei ein guter Mensch. Mich schüttelt es, wenn ich mir heute vorstelle, auf Basis dieser Weltanschauung Streitgespräche geführt zu haben. Irgendwie ist es gut, dass das Leben mich auf diese Weise jetzt fragt, ob ich das immer noch so denke oder jemals ernst gemeint haben könne.  Hat das also was mit gerechter Strafe zu tun? (Ich hab´s wohl so verdient...)  Oder einfach mit dem, was meine Seele lernen will? >...

Liedpredigt zu "Nichts ohne Grund" von Gregor Meyle im impuls:-Gottesdienst 03.09.2016

Die Gnade unseres Gottes ist mit euch allen!   „ Wir haben 100 Leute gefragt..., welche Frage stellt sich wohl jeder Mensch (egal, wo er herkommt, egal welchen Bildungsstand er hat und egal wie arm oder reich er ist), mindestens 1x in seinem Leben?“ Was glaubt Ihr, käme bei so einer Umfrage auf die ersten 5 Plätze? Ihr habt nun 3min Zeit, 5 Fragen aufzuschreiben, von denen Ihr glaubt, dass sie bei so einer Umfrage ganz weit vorne landen würden. (Ich lese meine Fragen vor. Alle die etwas haben, das in diese Richtung geht, heben die Hand.) Warum passiert (mir) das (immer)? Hat das einen Sinn? Wer verdient es, glücklich zu sein? Wie lebe ich richtig? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Singer-Songwriter sind ja weniger für ihre schmissigen und mitreißenden, weil so flachen Texte bekannt. Und Gregor Meyle scheint da ein guter Vertreter seiner Zunft zu sein. Er hat sich nämlich ausgerechnet eine dieser großen Lebensfragen geschnappt und sich mit diesem Lied an ...

Verantwortung und Schuld

  Verantwortung ist etwas anderes als Schuld. Dennoch fangen viele - mich NICHT an letzter Stelle eingeschlossen - an, wie wild um sich zu schlagen, wenn man sie auf ihre Verantwortung für bestimmte Dinge in ihrem Leben anspricht.  Noch verworrener wird die Sache, wenn Menschen wie ich, die sich für das Glück und das Wohlbefinden der Menschen um sie herum auch noch verantwortlich fühlen, ihrer Wahrnehmung nach scheitern, diese Aufgabe nicht erfüllen, und das mit "schuldig werden" gleich setzen. Ziel verfehlt. Und trotzdem merke ich, dass mir meine Krankheit immer wieder deutlich zeigt: "Lass das bleiben!" Ich wünsche mir doch einen engeren Zusammenhalt in meiner Kernfamilie. Und manchmal frage ich mich, was mit meiner Familie würde, wenn ich nicht als Kleber fungieren würde. Ich will mich da nicht als Opfer sehen, fühle mich da aber auch nicht frei zu entscheiden. Was für Konsequenzen hätte das?  Gott, Du könntest das. Lieben ohne eine Gegenleistung zu ...