Direkt zum Hauptbereich

"Du gehst jetzt sofort wieder raus und entschuldigst dich!"

In meinen 32 Jahren auf dieser Erde habe ich, soweit ich mich erinnern kann, keine fünf Backpfeifen verteilt. --- Meinen Bruder einmal ausgenommen. Ich befürchte, er hatte unter der zwei Jahre jüngeren Schwester doch mehr zu leiden, als mein Gehirn mir vorgaukeln will... :/

Aber die schallendste Ohrfeige von mir erhielt ein Nachbarsjunge in Miesbach am Tegernsee im Sommerurlaub. Ich habe seinen Namen vergessen. Vielleicht war es Peter. Peter war befreundet mit der Tochter des Hauses, in dem unsere Ferienwohnung lag. Mein Bruder war froh, dass auch ein Junge in seinem Alter zum Spielen da war und so verbrachten wir die meiste Zeit mit diesen Kindern.
Leider konnte ich Peter nicht ausstehen. Peter war ein Klugscheißer und ein Macho. In seinen Augen konnten Mädchen sowieso nichts und kleine Mädchen, wie ich eines war, schon mal erst Recht nicht. Und irgendwann, als mir seine Sprücheklopperei die Hutschnur platzen ließ, stellte ich mich vor ihn hin und knallte ihm mit lautem Klatschen meine flache Hand ins Gesicht. Tiefe Befriedigung durchströmte mich, direkt gefolgt von einer Welle des Erschreckens. Ich rannte in unsere Ferienwohnung, in der meine Mutter mich in Empfang nahm. Zitternd und weinend erzählte ich ihr, was geschehen war. Ich hatte wohl gehofft, dass sie mich in den Arm nehmen und trösten und mir sagen würde, dass ich nichts Falsches getan hätte. Doch sie wurde stinksauer und schmiss mich hochkant aus der Wohnung mit den Worten: "Du gehst jetzt sofort wieder raus und entschuldigst dich!" Und das ließ mich nur noch mehr verzweifeln. Ich hatte doch wirklich nichts Falsches getan! Oder ...? Ich hatte mich auf die (wie mir damals schien) einzige Weise gegen Peters Ärgern zur Wehr gesetzt, die mir bei diesem großen, nervigen Jungen übrig blieb. Nie zuvor, war mir meine eigene (seelische) Unversehrheit so wichtig gewesen, dass ich dafür jemand anderen verletzt hätte. 

Ob es sich richtig anfühlte, runter zu gehen und mich zu entschuldigen, spielte keine Rolle. (Ich weiß, es heißt eigentlich "und um Entschuldigung zu bitten". Aber offenbar wird uns sehr früh und sehr erfolgreich die Vorstellung eingepflanzt, "Bitte!" sei tatsächlich ein "Zauberwort", und die Erfüllung der Wünsche ein nur logischer Automatismus genauso wie "Entschuldigung!" eine Verzeihung so zwingend nach sich ziehen muss, dass ich sprachlich diesen unnötigen Zwischenschritt auch überspringen darf.) Ich hatte also keine Wahl --- ich konnte mich ja schlecht gegen das mütterliche Gebot, Frieden am Urlaubsort zu wahren, stellen. Dann hätten wir beide uns ja auch noch gezankt! 

Die anderen spielten direkt bei uns vorm Haus. Also konnte ich nicht einmal weglaufen. Vor oder zurück? Pest oder Cholera? Und wo blieb ich dabei? Mein Gefühl, für meine Unversehrtheit eingestanden zu sein und der kleine Stolz darauf, verebbte so schnell, wie es aufgetaucht war. Und so entschied ich mich, hinunter zu gehen und zu sagen, dass ich einen Fehler gemacht hätte.

Letztens wurde mir gesagt, dass ich den Eindruck vermittele, mich vor den Folgen meiner Entscheidungen und Handlungen zu fürchten. Und es ist wahr. Bis heute erschrecke ich darüber, wenn ich laut oder deutlich werde, selbst wenn ich weiß, dass ich aus meiner Perspektive absolut richtig gehandelt habe.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Leben, das gelingt

  Das wünsche ich mir:   Leben, das gelingt, in dem ich nicht permanent weniger schaffe, als ich mir vornehme.  Ich habe einen Job, den ich vermutlich behalten könnte, bis ich alt und grau wäre. Was für ein Privileg heutzutage! Aber ich schaffe es nicht. Ich pack´s nicht. Ich habe das Gefühl, ständig absagen zu müssen. Familie. Freunden. Jugendlichen bei der Arbeit. Kollegen. Arbeitgebern. Früher habe ich mir etwas auf meine Zuverlässigkeit eingebildet, hatte die arrogante Vorstellung, nur wer verbindlich durchzieht, was er/sie zugesagt hat, sei ein guter Mensch. Mich schüttelt es, wenn ich mir heute vorstelle, auf Basis dieser Weltanschauung Streitgespräche geführt zu haben. Irgendwie ist es gut, dass das Leben mich auf diese Weise jetzt fragt, ob ich das immer noch so denke oder jemals ernst gemeint haben könne.  Hat das also was mit gerechter Strafe zu tun? (Ich hab´s wohl so verdient...)  Oder einfach mit dem, was meine Seele lernen will? >...

Liedpredigt zu "Nichts ohne Grund" von Gregor Meyle im impuls:-Gottesdienst 03.09.2016

Die Gnade unseres Gottes ist mit euch allen!   „ Wir haben 100 Leute gefragt..., welche Frage stellt sich wohl jeder Mensch (egal, wo er herkommt, egal welchen Bildungsstand er hat und egal wie arm oder reich er ist), mindestens 1x in seinem Leben?“ Was glaubt Ihr, käme bei so einer Umfrage auf die ersten 5 Plätze? Ihr habt nun 3min Zeit, 5 Fragen aufzuschreiben, von denen Ihr glaubt, dass sie bei so einer Umfrage ganz weit vorne landen würden. (Ich lese meine Fragen vor. Alle die etwas haben, das in diese Richtung geht, heben die Hand.) Warum passiert (mir) das (immer)? Hat das einen Sinn? Wer verdient es, glücklich zu sein? Wie lebe ich richtig? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Singer-Songwriter sind ja weniger für ihre schmissigen und mitreißenden, weil so flachen Texte bekannt. Und Gregor Meyle scheint da ein guter Vertreter seiner Zunft zu sein. Er hat sich nämlich ausgerechnet eine dieser großen Lebensfragen geschnappt und sich mit diesem Lied an ...

Guten Tag, Frau MS! ICH HASSE SIE! --- gerade ...

Mein Herz kann sich nicht entscheiden zwischen Rasen und Stillstand. Ich will meine Fäuste ballen und gegen Wände hauen. Meine geliebte Kaffeetasse auf dem Boden zerschmettern. Scherben und Krach produzieren. Das ist besser als diese Traurigkeit. Mein Körper, aber noch mehr meine Psyche stimmen gerade ein jammervolles Klagelied an. Uha-uha-uhaaa... Aber ich will das nicht. Ich will da nicht mit einstimmen.  ICH WILL GESUND SEIN!!!  ICH BIN NICHT MEINE MS!!! Ich mache zur Zeit endlich fast täglich Yoga, trinke Grüne Smoothies, ernähre mich seit drei Jahren vegan und gehe sogar wieder laufen. Soft. Unter 30 Minuten, aber das ist ein Anfang. Alle Ärzte haben immer gesagt: "Frau Pfaffner, Sie müssen mehr Sport machen!" Meine Arbeit macht mir Spaß. Nur eine halbe Stelle. Das ist gut. Endlich habe ich einen Ort für mich gefunden, wo ich etwas mitgestalten will und kann. Und nun ... reicht meine Kraft für ... NIX! Immer wenn die Schlagzahl sich auch nur minimal erhöht, st...